08.04.2026
Stellungnahme des Arbeitskreises Fahrradfreundlicher Arbeitgeber in Essen zum Beschluss des Rates der Stadt Essen vom 25. März 2026 zur Weiterentwicklung der verkehrspolitischen Leitlinien
Der Arbeitskreis Fahrradfreundlicher Arbeitgeber in Essen nimmt den Ratsbeschluss zur Weiterentwicklung der verkehrspolitischen Leitlinien mit großem Bedauern zur Kenntnis.
In dem Arbeitskreis sind aktuell mehr als 40 Essener Unternehmen zusammengeschlossen, die mit dem EU-weiten Siegel „Fahrradfreundlicher Arbeitgeber“ zertifiziert sind. Unsere Unternehmen investieren aktiv in fahrradfreundliche Arbeitsbedingungen und ermutigen ihre Mitarbeitenden, den Arbeitsweg mit dem Fahrrad zurückzulegen. Daher beobachten wir die Entwicklung der Essener Radverkehrsinfrastruktur mit besonderem Interesse – und mit besonderer Sorge.
Unsere praktische Erfahrung und die Rückmeldungen vieler Kolleginnen und Kollegen zeigen: Die Bereitschaft von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, das Fahrrad für den täglichen Arbeitsweg zu nutzen, steht und fällt mit der Qualität und Sicherheit der Radwege. Betriebliche Maßnahmen wie Abstellanlagen, Umkleidemöglichkeiten oder Dienstradangebote, die wir unseren Mitarbeitenden zur Verfügung stellen, können ihren vollen Nutzen nur dann entfalten, wenn der Weg zur Arbeit als sicher und zumutbar empfunden wird. Lückenhaft ausgebaute, an neuralgischen Stellen unterbrochene oder unsichere Radwege sind für viele Menschen ein entscheidendes Hindernis – eines, das wir als Unternehmen nicht beseitigen können.
Vor diesem Hintergrund hatten wir die im Rahmen des RadEntscheides im Jahr 2020 beschlossenen Ausbaumaßnahmen als wichtigen Schritt in die richtige Richtung begrüßt und auf deren Umsetzung gehofft.
In den fünf Jahren seit diesem Beschluss konnten im Vergleich zu den beschlossenen Zielen jedoch nur geringe Verbesserungen erreicht werden:
• 22 km Radweg an Hauptverkehrsstraßen waren geplant, umgesetzt wurde in den letzten fünf Jahren lediglich 1 km.
• Neue Fahrradstraßen waren 20 km geplant, realisiert wurden 360 m.
Diese Maßnahmen entsprechen den geltenden Richtlinien und weisen keinen überhöhten Standard auf.
Der nun gefasste Ratsbeschluss lässt befürchten, dass selbst dieses geringe Maß an umgesetzten Maßnahmen weiter reduziert wird und die für die Lückenschlüsse erforderlichen Vorhaben auf absehbare Zeit nicht realisiert werden.
Das ist eine Entscheidung, die wir ausdrücklich bedauern – nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil sie die Sicherheit von Radfahrenden im Essener Stadtgebiet auf lange Sicht nicht erhöhen wird.
Wir treten für eine Verkehrsplanung ein, die alle Verkehrsarten – Autoverkehr, öffentlichen Nahverkehr, Fahrrad- und Fußverkehr – als gleichwertige Bestandteile eines funktionierenden städtischen Mobilitätssystems begreift. Die Diskussion um Mobilität ist für den Arbeitskreis keine Frage von „Rad gegen Auto“. Die meisten auch unserer Mitarbeitenden nutzen selbst unterschiedliche Verkehrsmittel, je nach Tag, Zeit und Ziel. Viel-mehr geht es um Sicherheit, Klarheit und Verlässlichkeit. Eine gute Infrastruktur schützt alle – Kinder auf dem Schulweg, ältere Menschen beim Einkaufen, Pendlerinnen und Pendler, ganz egal womit sie unterwegs sind.
Beim Radverkehr besteht in Essen hier nach wie vor erheblicher Nachholbedarf. Dies zeigt auch das Ergebnis der aktuellen Haushaltsbefragung zur Mobilität in Essen, bei der der Radverkehr trotz 50%-iger Steigerung mit aktuell nur 10% aller Wege weiterhin einen weit unterdurchschnittlichen Anteil hat. Dabei ist der Radverkehr nicht nur umweltfreundlich und gesundheitsfördernd, sondern auch vergleichsweise kostengünstig bei Herstellung und Betrieb seiner Infrastruktur.
Wir appellieren an die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung, die Weiterentwicklung der verkehrspolitischen Leitlinien nicht als Abkehr von einer ambitionierten Radverkehrsförderung zu verstehen, sondern als Gelegenheit zu einer sachlichen, an den Bedürfnissen aller Verkehrsteilnehmenden orientierten Neuausrichtung. Der konsequente Ausbau sicherer, durchgängiger Radwege sollte dabei ein unverzichtbarer Bestandteil bleiben – im Interesse der Verkehrssicherheit, der Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger und der Wettbewerbsfähigkeit Essens als attraktiver Wirtschaftsstandort.
Daher erwarten wir
- die Schaffung eines durchgängigen sicheren Radverkehrsnetzes
- ein gutes Angebot direkter und attraktiver Verbindungen
- sichere Radverkehrsanlagen an Hauptverkehrsstraßen als direkte Verbindungen mit wichtigen Zielen für den Radverkehr
- Radverkehrsplanungen, die alle geltenden Richtlinien beachten
Als Arbeitskreis Fahrradfreundlicher Arbeitgeber in Essen stehen wir für den weiteren Dialog zur Verfügung und bringen unsere Perspektive gerne in diesen Prozess ein. Denn am Ende geht es nicht um politische Lager, sondern um Menschen, die sich in ihrer eigenen Stadt sicher bewegen möchten.
Der Arbeitskreis Fahrradfreundlicher Arbeitgeber in Essen
Admin - 15:42 @